Nikolai Gogols Werke gehören, wie die von Puschkin
und Turgenjew, zur Weltliteratur. Das Erscheinen
seiner frühen Erzählungen in den 30er Jahren des
19.Jahrhunderts kam einer Sensation gleich, die
rasch über Russland hinaus Wellen schlug. Eine bis
dahin unbekannte realistische, psychologisch
spürsinnige Schilderung verband sich mit
phantastischer Erzählkunst, früher russischer
Realismus mit romantischen Einflüssen.
“Der Mantel” ist eine einfühlsame Schilderung über
menschliches Verhalten, über die korrupte
zaristisch-russische Verwaltungshierarchie in der
ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts. Der Mantel wird
zum Sinnbild von unterwürfigem Streben nach Ansehen,
von Neid und Habgier. Das Motiv der Verkleidung, des
Anders-Sein-Wollens kann in der Literatur in
allen Variationen durchgespielt werden, aber Gogols
“Mantel” bleibt in der einfachen Schilderung von
tief berührender Einzigartigkeit. Die
ironisch-gehaltene Erzählung lädt zum Lachen ein –
und das Lachen erstirbt dem Leser. Dostojewski
resümierte literatur-und sozialgeschichtlich: “Wir
alle kommen aus dem Mantel”.
Dem vorliegenden Bändchen sind die Bilder Werner vom
Scheidts beigegeben. Der Grafiker und
Schriftsteller, 1894 in Großblittersdorf/Lothringen
geboren, 1984 in Bad Bergzabern gestorben, wo er
seit 1940 ansässig war, ist vor allem als Schöpfer
von Tierdarstellungen, auch von Porträts (u.a. von
Hermann Hesse), als bildkünstlerischer Begleiter des
Werks der Dichterin Martha Saalfeld (1898-1976),
seiner Frau, bekannt geworden, weniger als
Illustrator literarischer Werke anderer Autoren,
obwohl solche Bildfolgen nicht selten in seinem
Schaffen anzutreffen sind.
Vom Scheidt illustrierte Gogols “Der Mantel” 1973
mit zehn Holzschnitten. Bei dieser Illustration
wählte der drucktechnisch äußerst versierte Künstler
mit einem sicheren Gespür den Holzschnitt, den er
von Anfang an meisterhaft ausübte, wie der von Otto
Pankok herausgegebene Band “Deutsche Holzschneider”,
1948, belegt.
Was Puschkin von Gogols Fähigkeit sagte, dass er
“den Menschen ... mit wenigen Zügen auf einen Schlag
hinzustellen” vermochte, das kann auch für diese
schwarz-weißen Holzschnitte gesagt werden. Hier
findet sich die “greifbar plastische
Anschaulichkeit”, die Gogol nach v. Bodenstedt
charakterisiert.
Werner vom Scheidt versteht es, Gogol ganz eigen
nahe zu bringen.
Der Künstler kann als Illustrator neu entdeckt
werden.